Zwischen Autonomie und Zugehörigkeit

Es ist ein Grundkonflikt des Mensch und so wird dieser in der Wissenschaft auch als Abhängigkeits-Autonomie-Konflikt bezeichnet. Der Konflikt ensteht, weil zwei divergente Bedürfnisse aufeinander treffen. Ich bezeichne den Konflikt lieber als Autonomie- und Zugehörigkeitskonflikt, da es meiner Meinung nach kein Bedürfnis nach Abhängigkeit gibt, wohl aber nach Autonomie -als auch nach Zugehörigkeit

Wenn wir uns die (Grund-)bedürfnisse des Menschen ansehen, stellen wir fest, dass das Bedürfnis nach Zugehörigkeit in der Entwicklung einen essentiellen Anteil einnimmt. Aus diesem Grunde kommt der frühkindlichen Bindung ein wesentlicher Stellenwert in der Persönlichkeitsentwicklung zugute. In Deutschland sind es primär die Eltern, die dem Kind eine Zugehörigkeit und Geborgenheit vermitteln (sollten). Erleben Kinder Desinteresse, permanent Kritik oder Ausgrenzung, so unterdrücken sie eigene Bedürfnisse, aus Angst die Zugehörigkeit zu verlieren und abgelehnt zu werden. Auch Kinder die an ihrer Autonomieentwicklung begrenzt werden, weil die Eltern eine Verlustangst spüren, lösen sie sich nicht vom Elternhaus – aus Angst verstoßen zu werden. In einer Zugehörigkeit erfährt ein Mensch Schutz, Anerkennung und findet hier Bestätigung für seine Selbstverwirklichung. So wie der Name Zuge-Hörigkeit schon aussagt, besteht das Problem in eine Hörigkeit zu verfallen.  Dies geschieht also, wenn ein Mensch seine Selbstbestimmung weitestgehend aufgibt, um dazuzugehören und dadurch in eine Unterwerfung gerät, welche die eigenen Bedürfnisse untergräbt. Dieser Effekt ist in Deutschland häufig zu finden. In Ländern, in denen Kinder im gemeinschaftlichen Umfeld groß werden, mehrere Bezugspersonen haben, fällt de Problematik verständlicherweise geringer aus. Allerdings gibt noch weitere Faktoren in der Persönlichkeitsentwicklung, die den Grundkonflikt zwischen Autonomie und Zugehörigkeit kennzeichnen. So kann selbst bei einer guten frühkindlichen Sozialisation ein Lebens -oder Ehepartner, der sehr vereinnahmend ist, den Konflikt hervorrufen; Armut, Mobbing am Arbeitsplatz, Sektengemeinschaften und ähnliche Faktoren ebenfalls. Hinzu kommt, dass eine Zugehörigkeit nicht selten mit eigenen Moral- und Wertevorstellungen im Konflikt steht. So stellt sich die Frage, inwieweit das Zugehörigkeitsbedürfnis dazu drängt gegen eigene Moral -und Werte zu verstoßen. Bei Blick auf diktatorischer Zugehörigkeiten wird dies deutlich.

Langfristig entstehen hierdurch seelische und körperliche Symptome oder gar Erkrankungen, da der Mensch seinen Selbstbezug verliert.

In Partnerschaften wird der Grundkonflikt oft deutlich: Der Mensch, der die Zugehörigkeit sucht, ist anpassungs- und kompromissbereit, entweder ist sein Bedürfnis nach selbstbestimmten Leben bereits gestillt oder er hat Angst vor einer Eigenverantwortung und Autonomie. Der Autonomiemensch hingegen hat Angst seine Selbstbestimmung zu verlieren, dass er alles „Fremde“ abwehrt. So wird der individuelle Grundkonflikte noch zusätzlich sichtbar im sozialen Miteinander.

Ein Klient, erfolgreicher Geschäftsmann, kam zu mir und klagte über seine innere Unruhe: Immer wieder habe er den Drang MEHR leisten zu müssen. Es höre nie auf….Und immer wieder, wenn er ein Ziel erreicht habe, sei er glücklich…für einen kurzen Moment…und dann sei er ausgebrannt und brauche Zeit für sich…jedoch nicht zu viel…denn dann komme wieder die Unruhe…

Er stellte mir die Frage: „Wenn ich nicht mehr leiste, was ich leiste, wer bin ich dann?“

Eine sehr schöne Frage, wie ich finde. Denn häufig wissen die Menschen nicht (mehr), wer sie sind, wenn Rollen wegfallen. Diese Frage zeigt, wie sehr ein Mensch auf der Jagt nach Zugehörigkeit und Anerkennung, Leistung erbringt und wenn er scheinbar alles hat, nicht mehr weiß, wer er ist und was ihm wirklich Spaß gemacht hat oder macht. Denn eines ist klar, auch wenn es oft in Vergessenheit gerät: Die Liebe ist ebenso wenig käuflich wie die (Selbst-) Sicherheit. Eine Motivation, die dazu dient geliebt und anerkannt zu werden, Sicherheitsängste zu kompensieren, die nicht (mehr) reell sind, führt in ein Rennen, welches nie gewonnen werden kann.

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*