Das Nordische Modell

                                                                                                                      08.04.2019

 

Brief Bundesministerium

als ich beim diesjährigen Weltfrauentrag, in einer Diskussion um das Prostitutionsgesetz in Deutschland, von Mitarbeiterinnen aus Beratungsstellen für Prostituierte hörte, dass es auch freiwillig Prostituierte gäbe, war ich schockiert.

Prostitution ist niemals freiwillig. Kein Lebewesen kommt auf die Welt und möchte freiwillig gedemütigt, missbraucht werden. Mir wurde mitgeteilt, dass offiziell ca. 85% Frauen in der Zwangsprostitution seien. Die anderen seien freiwillige Prostituierte. Wie wird diese Freiwilligkeit ausgelegt? Der Großteil der Frauen hat in der Kindheit sexuellen Missbrauch erlebt und gelernt, sexuell zur Verfügung stehen zu müssen. Diese Frauen sind traumatisiert und werden in der Prostitution täglich retraumatisiert. Und auch eine Frau, die in einer finanziellen Notlage ist (z.B. Alleinerziehend, Arbeitslos, Sucht), bietet sicherlich ihren Körper nicht freiwillig an. Prostitution ist ein Geschäft, bei dem es einzig um Macht –und Gewaltausübung, in der Regel von Männern an Frauen, geht. Die Prostituierten werden gedemütigt, es werden häufig harte Sexualpraktiken gefordert, die mit Schmerzen und Erniedrigungen einhergehen. Viele verheiratete Männer gehen zu Prostituierten, weil sie diese (sexuelle) Gewalt in ihrer Ehe nicht ausüben können. Sie vergehen sich an Prostituierten und kaufen sich frei. Es sind Vergewaltigungen, die mit Geld „entschuldigt“ und vom Staat legitimiert werden. Diese Frauen, die jeden Tag das Unerträglich ertragen, sind seelisch soweit von ihrem Körper abgeschnitten, dass sie Gefühle nicht mehr oder nur noch gedämmt wahrnehmen können. Sie dissoziieren, um das Unerträgliche zu ertragen. Dissoziation ist ein Schutzmechanismus zum Überleben. Das Fatale daran ist, dass die Schmerzen tatsächlich nicht mehr als so stark erlebt werden. Viele Frauen in der Prostitution reden sich dadurch anfänglich ein, es sei nicht so schlimm und entfernen sich immer mehr von sich selbst. Ein Freier, der Sex mit einer Prostituierten einfordert, „fickt“ eine Tote, um es klar auszudrücken (entschuldigen Sie die Ausdrucksweise, doch fiel mir hier kein „netteres“ Wort ein). Sie ist eine tote Hülle. Über ein beidseitiges Einvernehmen und Freiwilligkeit  kann hier nicht die Rede sein. Darüber hinaus stehen die meisten Prostituierten unter Alkohol –, Medikamenten und Drogeneinfluss, um den Missbrauch zu ertragen. Ein Großteil der Gewalt wird nicht angezeigt, da die Betroffenen stigmatisiert werden und häufig durch ihre Zuhälter selber in ein kriminelles Milieu geraten sind, so dass sie Angst vor rechtlichen Konsequenzen haben. Dadurch wird immer mehr Macht und Druck auf die Frauen ausgeübt, die körperlich und seelisch bereits zerstört wurden.

In Deutschland wird der Einstieg in die Prostitution gefördert. Es gibt Beratungsstellen für Gewerbetreibende der Prostitution, die sich hier selbständig machen „möchten“. Dies suggeriert, dass Prostitution eine normale Arbeit sei. Und es steigert die Nachfrage, was die Zahlen belegen. Prostitution ist jedoch weder Sex noch normale Arbeit. Prostitution ist Missbrauch und Gewalt, die vom deutschen Staat legitimiert und gefördert wird.

Als ich einen auf Arte einen Bericht über die neue „Ausbildung“ der Sexualassistenz in Deutschland erfuhr, war ich erneut schockiert! Wir benötigen Pflegekräfte und keine Sexualassistenten! Ist sich Deutschland bewusst, dass dies eine offizielle Ausbildung zur Prostitution bedeutet. Pflegebedürftige benötigen Gesellschaft, Kommunikation, Essen, Trinken, Medizinische Versorgung, ausreichend Schlaf…, aber sicherlich keinen Sex als Kompensation. Und wer bietet diese Dienstleistung“ an. Es sind sicherlich wieder zum Großteil Frauen, die gelernt haben, für Sexualität zur Verfügung stehen zu müssen. Es kommt mir vor, als mache Deutschland ein Geschäft mit seelisch traumatisierten Menschen.

17 Jahre nach der Entkriminalisierung der Prostitution ist Deutschland  zum Menschenhandelsplatz  geworden. Überall auf der Welt gibt es Gewaltausübung in der Prostitution. Doch in Deutschland wird diese Gewalt staatlich geschützt und gefördert. Prostitution wird es wahrscheinlich immer geben, doch es geht darum, dass Deutschland einen Beitrag zur Eindämmung der Gewalt und Machtmissbrauch gibt.

Und um es in Zahlen auszudrücken, wie es für unseren wirtschaftlichen Staat von Bedeutung ist: Die Behandlung der Folgeschäden der Prostitution (körperliche und seelische Behandlungen, chronische Krankheiten, posttraumatische Belastungsstörungen, Drogenabhängigkeit, Arbeitslosigkeit etc.) verursacht immense Kosten, die präventiv für Ausstiegsmöglichkeiten Prostituierter eingesetzt werden könnten, um langfristig Kosten zu minimieren.

Das seelische Leid, was die Frauen jeden Tag erfahren, ist sicherlich mit keinen Geld auszugleichen.

Andere Länder sind uns weit voraus. Schweden führte bereits 1998/1999 erfolgreich das Sexkaufverbot ein, was die Ursache der Prostitution angeht. Dies nenne ich einen verantwortungsvollen staatlichen Schritt in der Geschichte der Prostitution. Nicht nur, dass dadurch die Prostitution eingedämmt wird, es findet durch den Perspektivwechsel ein gesellschaftliche Wandel statt. Unter dem Nordischen Modell wird nicht die Prostitution entkriminalisiert, sondern die Prostituierten. Freier und Bordellbesitzer werden kriminalisiert – es wird die Gruppe bestraft, die Macht und Missbrauch ausübt!. Es findet dadurch ein Umdenken der Gesellschaft statt. Die Frau wird nicht mehr objektiviert, als Ware gehandelt, an der Stärkere ihre Gewalt und Macht entladen dürfen…Den Opfern werden Schuld –und Schamgefühle genommen. In unserer Gesellschaft werden leider immer noch allzu häufig Täter in Schutz genommen und Opfer verantwortlich gemacht. Sätze wie „Sie hat es durch ihr Aussehen provoziert“ oder „Sie ist doch freiwillig zu ihm gefahren“ oder „sie ist freiwillig Prostituierte…“etc. legitimieren Missbrauch und Gewaltausübung, verstärken die Schuldgefühle der Opfer und führen dazu, dass viele Straftaten nicht angezeigt werden.

In Traumakliniken und psychologischen Einrichtungen finden sich in der Regel die Opfer. Ich habe bislang nicht gehört, dass ein Zuhälter glaubte, er benötige therapeutische Hilfen. Nach dem Nordischen Modell wird Männern endlich verdeutlicht, dass Frauen keine Waren sind. Das nordische Modell unterstreicht die Würde eines jeden Menschen, welches nach dem Grundgesetz eigentlich eine Verständlichkeit sein sollte. Das nordische Modell sieht Ausstiegshilfen und Beratungen für Prostituierte vor. Auch Männer, die dadurch erkennen, dass sie Gewalt an Schwächeren ausüben und ihr Verhalten ändern müssen, finden Hilfen in Beratungsstellen.

Nach Schweden im Jahre 1999 zogen Norwegen und Island 2009 mit dem Sexkaufverbot nach, 2014 Kanada, 2015 Nordirland, 2016 Frankreich, 2017 Republik Irland, Israel 2018 und Schottland und England sind in Vorbereitung. Wo bleibt Deutschland?

Es ist Zeit, dass Deutschland umdenkt und auch Verantwortung einnimmt.

Diese Gewalt muss aufhören. Wie kann Deutschland so etwas zulassen?

Warum handelt Deutschland nicht?

Fortfolgend sende ich Ihnen einen Link der Mainzer Erklärung:

https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLScl1P3_BYSiy8MK8yeRcCIyoYAGMGxsItfqYo-21Poyd9clzQ/viewform?fbclid=IwAR2HHbYvTltR4h7LOUiik1esySAJnGw5gotfBYGCAk1ZqupylK-xkfLCLgU

Eine kurze Zusammenfassung der Mythen über Prostitution finden Sie unter:

https://www.frauenrechte.de/online/themen-und-aktionen/frauenhandel/mythen-der-prostitution

 

Ich bitte Sie dieses in Ihrer politischen Funktion im Bundestag und Bundesministerium publik zu machen oder an entsprechende Stellen weiterzuleiten oder mir mitzuteilen, an wen ich mich wenden kann, damit dieser Hass in Deutschland eingedämmt wird.

Gerne stehe ich Ihnen für Fragen zur Verfügung.

Ich bedanke mich im Voraus für Ihre beanspruchte Zeit und Ihre Bemühungen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Dominika Tigges

(Dipl. Sozialarbeiterin

Gesundheitspädagogin)

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*