Politisches Engagement: Brief an Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs

Sehr geehrter Herr Rörig,

Ihren Artikel über sexuellen Missbrauch habe ich aufmerksam in der regionalen Zeitung verfolgt. Thematisch befasse ich mich seit 20 Jahren mit dem Ursachen, Ausmaß und Bewältigungsstrategien von Missbrauchserfahrungen.

Es ist großartig, dass Sie eine Möglichkeit geschaffen haben, Betroffenen einen Raum zum Verbalisieren zu geben. Sicherlich dient es zum einem einer statistischen Erfassung und relevanten Datenerhebung für weiterführende, zielgerichtete Arbeitsfortschritte in diesem Bereich. Zum anderen, und das halte ich für die Betroffenen an sich für Wesentlich, bieten Sie einen Raum, in dem sie gehört werden, indem ihnen Glauben, Achtung und Verständnis gegeben wird.

In einer Welt des medizinischen Fortschritts, in der immer mehr Krankheiten geheilt werden können, nehmen psychische Symptome weiter zu.

Menschen, die sich in ihrer Kindheit nach Liebe sehnen und Missbrauch ernten, möchten das unerfüllte Bedürfnis der Geborgenheit stillen.

In einer Welt, in der das Individuum sich selber, als auch von außen über likes in sozialen Netzwerken definiert und definiert wird, wird Erfolg an Leistung und Aussehen bemessen.

Die Gefühle der Einzelnen haben keinen Raum – obwohl diese die Basis des Lebens darstellen. Die eigenen Bedürfnisse und damit einhergehenden Gefühle sind die Grundpfeiler unseres Lebens und unserem sozialen Miteinander.

Wenn wir in Therapieeinrichtungen gehen, finden wir Menschen mit ihren Lebensgeschichten, die sich reflektieren und an sich arbeiten möchten. Nicht selten werden diese als krank und verwirrt stigmatisiert – schließlich bringen sie keinen leistungsorientierten Nutzen für die Gesellschaft.

Narzisstische Persönlichkeiten, die wirtschaftlich erfolgreich sind, sich durch ihren Beruf, soziale Medien ihre Präsenz und Anerkennung verschaffen, sich anderen Gegenüber erheben, werden von der Gesellschaft als gesund angesehen, ja sogar bejubelt. Sie vermitteln eine Form von äußerer Sicherheit.

Macht und Manipulation prägen unser Weltbild.

In Ihrem Artikel wird die Frage gestellt, warum so viele Betroffene mit Missbrauchserfahrungen schweigen. Sie fragen sich darüber hinaus, warum Mütter oder das soziale Umfeld nicht eingreifen oder gar den Missbrauch stillschweigend tolerieren.

Die Täter und Mittäter, Sadisten und Narzissten, sie selber haben nicht den Mut sich zu reflektieren. Nicht selten wird eine Spirale der Lebensgeschichten beobachtet: Der Mann wird von seinem Chef gedemütigt und traut sich nicht zu wehren, weil er sich finanziell abhängig fühlt und ggf. eine Familie ernähren muss. Er staut seine Aggressionen auf und entlädt sie an einem Schwächeren. Die Frau wird von ihrem Mann seelisch oder körperlich missbraucht, ihre Aggression äußert sie nicht gegenüber ihren Mann und so überträgt sie ihre negativen Gefühle auf ihre Kinder. Die Kinder, die Wiederum in Abhängigkeit ihrer Eltern leben, wehren sich nicht und übertragen ihre aufgestauten Gefühle der negativen Aggression auf ihre eigenen Lebenspartner usw.

Wir erleben es in Familien, am Arbeitsplatz, in Vereinen, ja selbst in Kliniken, bei Ärzten und selbsternannten Lebensberatern, die wie Wurzeln aus den Boden sprießen und verheißungsvoll Hoffnung und Selbstverwirklichung für Betroffene suggerieren, um sich Ihrer Selbst zu Erheben.

Eine Mutter, die wie sie richtig schreiben, häufig in finanzieller Abhängigkeit steht, wird den Missbrauch geheim halten. Diese Abhängigkeit herrscht jedoch nicht nur bei einer Mutter vor. Auch Angestellte, die sehen wir ihr Chef andere mobbt, trauen sich häufig nichts zu sagen. Und auch ein Ehemann, der möglicherweise in emotionaler Abhängigkeit steht und Machtmissbrauch ausübt, wird ebenfalls alles tun, um sein Nest der Familie zu behalten. Er bindet z.B seine Ehefrau und Kinder in Geschäftsanteile ein, um eine stabile Sicherheit durch Abhängigkeiten zu bekommen.

Die vermeintliche Sicherheit verschafft den Menschen ein Nest, welches sie sich nicht trauen zu verlassen. Auch dies ist ein Grundbedürfnis der Menschen. Das Nest der Sicherheit bedeutet ein Bedürfnis der Geborgenheit.
Die (erwachsenen) Kinder solcher Familien, die häufig isoliert leben, wenig Aussenkontakte pflegen, haben dieses System als Geborgenheit kennengelernt und schützen es ebenfalls. Ihre Sehnsüchte werden nicht selten mit Drogen, Leistung…kompensiert.

Missbrauch entlädt sich an jeweils Schwächeren: Als Projektionsfläche dienen Patienten, Kollegen, Lebenspartner, Kinder, Schwiegertöchter, Stiefkinder usw.

Der Missbrauch wird von der Außenwelt, von anderen Familienmitgliedern, stillschweigend toleriert und sogar gedeckt, aus Angst dieses System könnte zerbrechen. Jede Außenperson, die Gefahr läuft, das System zu durchbrechen, welches eigentlich Heilung für den Einzelnen bedeuten würde, wird versucht auszuschalten.
Demnach funktioniert dieses System….auf den ersten Blick.

Ein Ausbruch ist dann möglich, wenn der Leidensdsruck zu groß wird:

Wenn körperliche und seelische Dissoziationen den Alltag nicht mehr möglich machen, weil das Trauma verarbeitet werden möchte, wenn Süchte (z.B. Arbeitssucht, Kaufsucht, Drogen) das Leben bestimmen, wenn das Gefühl der Schuld zu groß wird.

Wer dann den Mut hat auszusteigen, muss mit den Konsequenzen leben, die fatal sein können. Dieser Mensch gibt erst einmal sein Grundbedürfnis nach Geborgenheit auf, steht alleine da, muss neue Verhaltensmuster für sich erlernen und dazu noch mit den Reaktionen der Gesellschaft leben, die wie oben beschrieben nicht immer förderlich für das Selbstwertgefühl sind.

Das Rechtssystem sieht vor, dass ein/e Betroffene/e in der Beweispflicht ist. Wie soll eine Person, welche Missbrauch, sexuell/emotional, erlebt hat, diesen beweisen, wenn es keine Zeugen gibt, oder der Missbrauch von Familienmitgliedern sogar toleriert und gedeckt wird?

Ganz im Gegenteil: Betroffenen wurden vom Täter stets suggeriert, dass sie selber Schuld tragen am Geschehen, dass sie es gewollt hätten. Betroffene müssen (wieder) lernen, ihrer eigenen Wahrnehmung zu glauben. Dies wird beispielsweise durch das Rechtssystem und gesellschaftliche Weltbild erneut erschwert.

Mit Blick auf eine Welle, die seit einigen Jahren medial verbreitet wird und sich universelle Liebe und Transformation nennt, haben den Markt unlängst sogenannte Lebensberater für sich als lukrative Einnahmequelle entdeckt, die Betroffenen suggerieren dass Liebe und Verzeihen die Schmerzen heile. Dies führt dazu, dass Betroffene sich noch schuldiger fühlen, ihre eigene Wahrnehmung noch mehr verzerrt wird und sie Ihren Gefühlen gar keinen Ausdruck mehr verleihen. Nicht selten wird das Trauma dadurch noch verstärkt. Das, was Betroffene sich am meisten wünschen ist, dass man Ihnen glaubt und das sie sich wieder selber glauben können.

Unter Berücksichtigung dieser Ausführungen halte ich folgende Faktoren für unabdingbar:

1. Das gesellschaftliche Weltbild ändern durch Aufklärung; hier sollte an erster Stelle das verantwortungsvolle Bewusstsein stehen, wenn Menschen sich psychologische Hilfe holen, um einer Stigmatisierung vorzubeugen

2. Mehr Aufklärung über alle Formen von Missbrauch – Formen von Manipulation und Abhängigkeiten in Familien, am Arbeitsplatz usw

3. Eine Erhebung und Überprüfung psychologischer Berater, insbesondere selbsternannter Lebensberater; Fast jeder Mensch erleidet heute Traumata: Coaches und Lebensberater oder gar Hypnotherapeuten richten oft mehr Schaden als Nutzen an

4. Aufklärung über Grundbedürfnissen, Umgang mit Gefühlen und Lehren der Grundrechte – altersgerecht als Pflichtfach in Kindergärten, Grundschulen, weiterführenden Schulen; im Jugendalter Ergänzung durch juristisches Wissen

5. Aufklärung darüber, dass Mobbing, Manipulation, Machtausübung Missbrauch -und strafbar ist

6. Rechtliche Aufklärung und härtere Sanktionen sexuellem, körperlichem und seelischem Missbrauchs

7. Stärkung der eigenen Meinungsbildung, unabhängig des Elternhauses, durch Hinterfragen eigener Strukturen und Lehre in anderen Städten/Ländern (Förderung von interkulturellen schulischem Austausch)
Meines Erachtens wird sich für die Betroffenen erst dann etwas ändern, wenn sich das gesellschaftliche Bild ändert. Wir alle können unseren Beitrag dazu leisten. Indem wir den Mut haben nicht alles zu tolerieren mit dem Ziel, dass die Gesellschaft wach wird. Dazu müssen wir bereit sein, unsere Komfortzone zu verlassen, vielleicht auch dadurch ein Stück weit Geborgenheit und Sicherheit aufzugeben, mit dem Gewinn einen verantwortungsvollen Beitrag geleistet zu haben. Für sich selber und für Andere. Denn eines ist auch klar: Wer den Mut hat verantwortungsvoll zu handeln und Missbrauch in jeglicher Form nicht ( weiter) zu tolerieren, befreit sich selber von Schuld, da jeder Mitwissende auch Mittäter ist.

Und um es in Zahlen auszudrücken, wie es in der wirtschaftlich geprägten Welt erforderlich ist: Eine Investition in gesellschaftliche und individuelle Aufklärung bringt nachhaltig wirtschaftlichen Nutzen, da psychische und physische Behandlungen reduziert-und krankheitsbedingte Ausfälle minimiert werden. Terroranschläge, die durch unerfüllte Bedürfnisse und unreflektierte Gefühle hervorgerufen werden, minimieren sich, Polizeieinsätze verringern sich.

Ich danke Ihnen für die Zeit, die Sie sich genommen haben, diese Zeilen zu lesen.

Hochachtungsvoll,

Dominika Tigges

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*