Narzissten und Psychopathen in unserer Gesellschaft

Kürzlich fragte mich eine Bekannte, ob die Person des Herr Grey in 50 Shades of Grey ein Psychopath oder Narzisst darstellen soll. Meiner Meinung nach spiegelt die Person des Herrn Grey weder einen Narzissten, noch Psychopathen wieder. Herr Grey spielt mit offenen Karten, lügt und manipuliert nicht und entwertet seine Freundin nicht. Herr Grey hat ein Kindheitstrauma, welches er zu verarbeiten versucht. Seine Freundin Anastasia gewinnt zunehmend an Selbstbewusstsein in der Beziehung – auch wenn diese sicherlich nicht einfach ist. In einer narzisstischen Beziehung, die mit seelischem Missbrauch einhergeht, würde sie zunehmend geschwächt und seelisch-körperlich krank.
Narzissten sind besessen von äußerer Bewunderung und Anerkennung, sind arrogant, empfinden keine Empathie, sind nicht bindungsfähig und vor allem auch nicht kritikfähig. Ein Narzisst entschuldigt sich nicht. Dadurch würde er Gefahr laufen, sich schuldig zu fühlen. Gefühle der Schuld und Scham sind beim Narzissmus stark ausgeprägt. Ein gesunder Mensch empfindet Schuld oder Scham als Teilaspekt für eine bestimmte Handlung, die er oder sie getan hat oder einen Charakterzug, der sie oder er hat. Diese Menschen können sich problemlos entschuldigen und Fehler eingestehen, weil sie sich dadurch nicht komplett ablehnen. Gesunde Menschen profitieren von ihrer eigenen Identität, die unabhängig von Äußerlichkeiten ist. Der Narzisst hat diese Identität nicht (mehr), so dass das Schamgefühl eines Narzissten eine Ablehnung seines kompletten Seins darstellt. Der Narzisst, der abhängig ist von der äußeren Anerkennung, schämt sich, wenn er den Erwartungen Anderer nicht entspricht. So weiß ein Narzisst in der Regel gar nicht, wer er wirklich ist. Mehr zum Thema Authentizität findest du im entsprechenden Blog). Die Wurzeln, wie so oft, liegen häufig in der Kindheit. Eine narzisstische Erziehung ist geprägt von sehr viel elterlicher Kritik und Anpassungsfähigkeit. In gesunden Familien übernehmen Eltern die Verantwortung für die körperlichen und emotionalen Bedürfnisse der Kinder. Ziel der Erziehung sollte es sein, dass Kinder im Laufe ihrer Entwicklung lernen, ihre Bedürfnisse und Gefühle zu erkennen und altersgerecht entsprechend angemessen zu handeln. Dadurch entsteht eine Unabhängigkeit und soziale Kompetenz. Narzisstische Familienmodelle sind dadurch geprägt, dass die Bedürfnisse der Eltern in Vordergrund stehen. Das Kind passt sich an und versucht alles, um den Erwartungen der Eltern gerecht zu werden. Diese Kinder verlieren den Bezug zu ihren wahren Bedürfnissen und Emotionen, da diese nie Raum haben durften. Das Gefühl, wonach ein richtiges Handeln einsetzen sollte, bleibt somit verwehrt und sie sind auf die Steuerung anderer angewiesen. So werden auch im Erwachsenenalter häufig Entscheidungen auf der Basis der Erwartungen Anderer getroffen. Durch das Bedürfnis nach Anerkennung und Bestätigung von außen, kommen wahre Bedürfnisse im Erwachsenenalter kaum an die Oberfläche. So ist es nicht zu verwunden, dass unter den „Workaholics“ viele Narzissten zu finden sind, die sich stetig nach MEHR Erfolg sehnen, um Bestätigung zu finden. Es geht hierbei nicht mehr um die Tätigkeit an sich, sondern nur um die Bestätigung. Wenn Coachingseminare und Trainer zusätzlich vermitteln, dass der Selbstwert über Leistung definiert wird, wird diese Personengruppe retraumatisiert – das Muster verfestigt sich.
Narzissten sind misstrauisch, sprechen in der Regel kaum über sich und sind bindungsunfähig. Sie halten sich ihre Partner häufig auf Abstand, jedoch immer so viel Kontakt, dass die Sicherheit gewahrt bleibt, dass der Partner weiterhin zur Verfügung steht und als Projektionsspiegel dient. Psychopathen gehen noch einen Schritt weiter: Sie lügen, haben kein Schuldbewusstsein und manipulieren so stark, dass der Partner sich als Schuldiger fühlen soll und fühlt. Als Beispiel möchte ich euch die Aussage eines Coachs mitteilen, der mir einmal sagte, dass eine Frau, die vergewaltigt wird, diese Vergewaltigung selber hervorgerufen hätte. Er begründete dies damit, dass sie sich nicht die richtige Ausstrahlung gehabt habe, zur genau der Zeit an dem Ort war, wo sie auf den Vergewaltiger traf, und sich zum anderen nicht entsprechend gewehrt und gekleidet habe. Für Täter ist dies eine offenkundige Legitimation für boshaftes Verhalten. Solche Meinungen werden auch von Lebensberatern vertreten, die damit die Schuld und Scham der Betroffenen verstärken, welches fatale Folgen hat. Werden derartige Meinungen öffentlich verbreitet, findet auch ein gesellschaftliches Weltbild statt, in der Missbrauch legitimiert wird. So ist es in der Gesellschaft nicht selten, dass narzisstische Personen bejubelt werden. Sie strahlen nach Außen Selbstsicherheit, Mut, Stärke und Kraft aus. Sie vermitteln den Menschen die Illusion der Sicherheit zum Zwecke der Anerkennung und Selbstverherrlichung, und die Menschen lassen sich blenden.

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